Diese Seite dient der allgemeinen Aufklärung. Sie ersetzt keine Beratung durch Ärzt*innen, Therapeut*innen, Beratungsstellen oder Anwält*innen, die deine Situation kennen.
Warum das wichtig ist
Viele Menschen in der Szene haben einen Arztbesuch aufgeschoben, wichtige Details weggelassen oder eine Therapie still beendet, weil sie Angst vor der Reaktion hatten. Diese Angst ist verständlich, und sie hat einen Preis: eine unbehandelte Verletzung, eine übersehene Infektion oder Monate in der Therapie, die an der falschen Frage arbeiten.
Kink ist keine Störung
In der ICD-11, der aktuellen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (gültig seit 2022), sind Sadomasochismus und Fetischismus nicht mehr als Störungen aufgeführt. Die verbleibenden paraphilen Störungen betreffen Handlungen mit Menschen, die nicht zugestimmt haben, oder Fälle mit deutlichem Leidensdruck (über die Angst vor Ablehnung hinaus) oder einem erheblichen Risiko für Verletzung oder Tod. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird für die Abrechnung übergangsweise noch mit Versionen der ICD-10 gearbeitet, doch nach aktuellem Stand der WHO ist einvernehmlicher Kink zwischen Erwachsenen an sich keine Störung.
In derselben Revision hat die WHO Geschlechtsinkongruenz aus dem Kapitel der psychischen Störungen herausgenommen. Fachleute, die sich auf dem aktuellen Stand halten, wissen das. Wer es nicht weiß, ist trotzdem berufsethisch verpflichtet, dich respektvoll zu behandeln.
Du hast eine Versorgung verdient, die sich um deine eigentliche Gesundheitsfrage kümmert und nicht um das Unbehagen anderer.
Was du erzählen solltest und was privat bleiben kann
Du schuldest niemandem dein ganzes Sexleben. Die hilfreiche Frage lautet: Was muss diese Fachperson wissen, um mir bei diesem Problem zu helfen?
Das solltest du Ärzt*innen meist erzählen
- Wie eine Verletzung entstanden ist, einschließlich Kraft, Gegenständen, Seil, Fesseln oder Hitze
- Jeden Druck auf den Hals, jede Atemkontrolle und jede Bewusstlosigkeit, auch wenn sie kurz war und es dir jetzt gut geht
- Welche Körperteile beteiligt waren und wann die Beschwerden angefangen haben
- Alkohol, Drogen oder Medikamente, die du um diese Zeit genommen hast
- Praktiken, die für Infektionen wichtig sind, etwa geteilte Toys, Körperflüssigkeiten oder Kontakt mit Blut
- Striemen oder blaue Flecken, die ohne den erwarteten Schlag entstanden sind, denn sie können auf ein medizinisches Problem hinweisen
Das darf meist privat bleiben
- Namen oder Geschlecht deiner Partner*innen oder wie viele du hast, solange es nicht für Tests oder die Information von Partner*innen wichtig ist
- Deine Rolle, eure Dynamik oder die Geschichte hinter einer Session
- Praktiken, die nichts mit dem Grund deines Besuchs zu tun haben
- Wo du spielst oder zu welcher Community du gehörst
Wenn du nicht weißt, ob etwas wichtig ist, sag genau das: „Es gibt ein Detail dazu, wie das passiert ist, bei dem ich nicht sicher bin, ob Sie es brauchen. Soll ich es erzählen?“ Die meisten Fachleute geben dir darauf eine ehrliche Antwort.
Schweigepflicht in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und viele Berater*innen unterliegen in allen drei Ländern einer strafrechtlich geschützten Schweigepflicht. Sie dürfen nicht ohne deine Zustimmung an Arbeitgeber, Familie oder Partner*innen weitergeben, was du ihnen anvertraust. Die gesetzlichen Ausnahmen sind eng und unterscheiden sich je nach Land, etwa bei ernster Gefahr für das Leben eines Menschen. Krankschreibungen für den Arbeitgeber enthalten in der Regel keine Diagnose, und deine Krankenkasse erhält Abrechnungscodes, nicht den Inhalt eures Gesprächs. Wenn du unsicher bist, frag vorher: „Bleibt das, was ich hier erzähle, unter uns?“
So findest du kink-sensible und sexpositive Fachleute
Ein offizielles Verzeichnis kink-sensibler Fachleute gibt es nicht. In der Praxis kombinieren die meisten mehrere Wege.
Direkt fragen
Ruf vor dem Termin in der Praxis an oder schreib eine E-Mail und frag, ob dort mit Menschen in BDSM- oder Kink-Beziehungen gearbeitet wird. Eine kurze, sachliche Antwort ist ein gutes Zeichen.
Sexpositive und LGBTIQ*-freundliche Praxen
Praxen, die sich als sexpositiv oder queerfreundlich beschreiben oder Erfahrung mit vielfältigen Beziehungsmodellen nennen, sind oft auch offen für Kink. Achte auf solche Begriffe auf Websites und in Verzeichnissen.
Angebote für sexuelle Gesundheit
Checkpoints, Aidshilfen und Gesundheitsämter sind offene Gespräche über Sex gewohnt und bieten meist anonyme oder günstige Tests an.
Verzeichnisse für Sexualtherapie
Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) veröffentlicht eine Liste der von ihr zertifizierten Sexualtherapeut*innen und Sexualberater*innen, mit Einträgen für Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Empfehlungen aus der Community
Auf Stammtischen, in queeren Zentren und Online-Gruppen kennt man oft Ärzt*innen und Therapeut*innen vor Ort, die kinky Menschen gut behandeln. Frag per Privatnachricht, wenn dir Diskretion wichtig ist.
Das KAP-Verzeichnis
Das Verzeichnis „Kink and Polyamory Aware Professionals“ der US-amerikanischen National Coalition for Sexual Freedom (NCSF) listet Fachleute, die sich selbst als kink-sensibel beschreiben. Die meisten Einträge stammen aus den USA, aufgenommen werden aber Fachleute weltweit, auch mit Online-Angeboten.
Verzeichnisse prüfen niemanden
Einträge in Verzeichnissen wie KAP beruhen auf Selbstauskunft und werden nicht überprüft, und die NCSF betont, dass sie die gelisteten Fachleute nicht empfiehlt. Prüfe Qualifikation und Zulassung wie bei allen anderen Fachleuten auch und vertrau deinem eigenen Eindruck in der ersten Sitzung.
So beginnst du das Gespräch
Du brauchst kein Fachvokabular. Ruhige, klare Worte funktionieren am besten, und es hilft zu sagen, warum du Kink überhaupt ansprichst. In Praxen wird meist gesiezt, deshalb sind die Beispielsätze in der Sie-Form.
Beispielsätze
- „Ich lebe in einer einvernehmlichen BDSM-Beziehung. Ich erwähne das, weil es für diese Verletzung wichtig ist.“
- „Diese blauen Flecken stammen von einvernehmlichen Praktiken mit meinem Partner. Ich bin sicher, ich bin wegen etwas anderem hier.“
- „Kink gehört zu meinem Leben, ist aber nicht das Problem, wegen dem ich komme. Haben Sie Erfahrung mit Klient*innen wie mir?“
- „Ich möchte Details aus meinem Sexleben auf das medizinisch Nötige beschränken. Fragen Sie gern nach, wenn Sie mehr brauchen.“
- „Ich möchte mich auf die Ängste konzentrieren, die ich in letzter Zeit bei der Arbeit habe.“
- „Wenn Ihnen etwas unbekannt ist, fragen Sie mich bitte, statt zu raten.“
Fragen an Therapeut*innen vor dem Beginn
- Haben Sie mit Menschen in BDSM-, Kink- oder nicht-monogamen Beziehungen gearbeitet?
- Wie unterscheiden Sie zwischen einvernehmlichem Kink und Gewalt?
- Würden Sie meinen Kink als etwas sehen, das sich ändern muss?
- Wie gehen Sie mit Themen um, über die Sie wenig wissen?
- Was passiert mit meinen Daten, und wer kann Ihre Notizen einsehen?
Wenn Fachleute schlecht reagieren
Manche Reaktionen sind eher unbeholfen als feindselig: ein überraschter Blick, eine ungeschickte Frage, eine vorsichtige Nachfrage, ob du sicher bist. Andere überschreiten eine Grenze: Spott, Moralpredigten, die Verweigerung angemessener Behandlung, Druck, Kink aufzugeben, oder Kink als Ursache jedes Problems zu sehen.
Was du tun kannst
- Sprich es ruhig an: „Ich möchte, dass wir uns auf die medizinische Frage konzentrieren und nicht auf mein Privatleben.“
- Bitte um eine andere Ärztin oder einen anderen Arzt oder beende den Termin; im Notfall frag lieber nach jemand anderem, statt unbehandelt zu gehen
- Schreib bald danach auf, was wann und von wem gesagt wurde
- Nimm zum nächsten Termin eine Vertrauensperson mit, wenn dir das Sicherheit gibt
- Such dir jemand anderen: In allen drei Ländern kannst du Ärzt*innen und Therapeut*innen grundsätzlich frei wählen, je nach Versicherungsmodell
- Sprich mit einer Freundin, einem Freund oder einer Beratungsstelle darüber, denn eine schlechte Erfahrung kann den nächsten Besuch schwerer machen
Wenn das Verhalten diskriminierend oder unprofessionell war, kannst du dich beschweren. In Deutschland sind dafür die Ärztekammer oder die Psychotherapeutenkammer deines Bundeslandes zuständig. In Österreich beraten dich die Patientenanwaltschaften, in der Schweiz Patientenorganisationen und in einigen Kantonen Ombudsstellen. Eine Beschwerde ist dein Recht und keine Überreaktion.
In der Notaufnahme nach einer Session
Auch bei sorgfältigem Spiel passieren Unfälle. Das Personal in der Notaufnahme sieht Verletzungen aus Sport, Sex und allem dazwischen, und am meisten hilft ihm eine klare, sachliche Schilderung.
Hol sofort Hilfe
Ruf den Notruf 112 (in Österreich und der Schweiz für die Rettung auch 144), wenn jemand bewusstlos ist, schlecht Luft bekommt, eine Kopf- oder Halsverletzung haben könnte, stark blutet oder einen kalten, tauben oder bläulichen Arm oder ein solches Bein hat. Lass dich nach jedem Druck auf den Hals, jedem Würgen und jeder Bewusstlosigkeit untersuchen, auch wenn es der Person gut zu gehen scheint: Manche Verletzungen, etwa an den Blutgefäßen im Hals, machen sich erst Stunden oder Tage später bemerkbar. Lass nicht zu, dass Scham die Behandlung verzögert.
Was du sagen könntest
- „Das ist bei einvernehmlichen Sexspielen passiert. Vor etwa zwei Stunden waren meine Handgelenke rund 40 Minuten mit Seil gefesselt, und seitdem ist meine rechte Hand taub.“
- „Mein Partner hatte die Hände um meinen Hals, und ich war kurz bewusstlos. Jetzt geht es mir gut, aber ich weiß, dass ich mich untersuchen lassen sollte.“
- „Ein Sextoy steckt in meinem Enddarm fest. Es ist aus Silikon, etwa 12 cm lang und seit ungefähr drei Stunden dort.“
- „Ich habe eine Verbrennung von einem Wachsspiel. Das war vor etwa einer Stunde, ich habe sie 20 Minuten mit Wasser gekühlt.“
Informationen, die dem Personal helfen
- Was passiert ist, wie lange es her ist und wie lange es gedauert hat
- Beteiligte Gegenstände, Materialien und Substanzen, etwa Seil, Handschellen, Toys, Wachs, Gleitmittel, Alkohol oder Drogen
- Ob es Druck auf den Hals, Atemkontrolle oder Bewusstlosigkeit gab
- Welche Erste Hilfe geleistet wurde, etwa Kühlen, Lösen der Fesseln oder Blutstillung
- Medikamente, Allergien und relevante Vorerkrankungen, auch Hormone oder Blutverdünner
Das Personal möchte vielleicht allein mit dir sprechen und fragt, ob du dich zu Hause sicher fühlst. Das ist übliche Praxis und keine Unterstellung. Wenn die Verletzung bei einvernehmlichem Spiel entstanden ist, kannst du das sagen. Wenn nicht, ist das ein sicherer Moment, es zu erzählen.
Therapie bei Beziehungsthemen und persönlichen Anliegen
Kinky Menschen gehen aus denselben Gründen in Therapie wie alle anderen: Stress, Trauer, Ängste, Depression, Konflikte in der Beziehung. Gute Therapeut*innen arbeiten an dem, weswegen du gekommen bist, und behandeln Kink als einen Teil deines Lebens, weder als offensichtliche Ursache für alles noch als etwas, das man übergeht, wenn es eine Rolle spielt.
Wo Kink-Sensibilität besonders zählt
- Paartherapie, wenn ihr euch beim Kink Unterschiedliches wünscht oder jemand die Beziehung öffnen möchte
- Gemischte Gefühle, Scham oder Verwirrung über die eigenen Wünsche
- Ein Drop nach Sessions, der nicht vergeht, oder Spiel, das sich zwanghaft anzufühlen beginnt
- Machtdynamiken, die sich von dem entfernt haben, was ihr vereinbart habt
- Traumata, vor allem wenn sie sich mit dem überschneiden, was dir im Kink gefällt
Der Zugang unterscheidet sich je nach Land. In Deutschland vermittelt die Terminservicestelle unter 116117 eine psychotherapeutische Sprechstunde, die die gesetzliche Krankenkasse übernimmt. In Österreich führt das Gesundheitsministerium eine öffentliche Berufsliste der eingetragenen Psychotherapeut*innen, und deine Krankenkasse sagt dir, welche Kosten sie übernimmt. In der Schweiz zahlt die Grundversicherung psychologische Psychotherapie, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie anordnet. Sexualtherapeut*innen und Berater*innen arbeiten oft privat, frag deshalb vorher nach den Kosten.
Checks zur sexuellen Gesundheit und sichtbare Spuren
Bei Routineterminen fühlen sich viele am verletzlichsten: bei der gynäkologischen Untersuchung, beim Hautscreening, in der Physiotherapie oder bei der sportmedizinischen Untersuchung. Wenn du dir vorher einen Satz zurechtlegst, wirst du nicht überrumpelt.
Checks zur sexuellen Gesundheit
Richte Tests danach aus, was du tust, nicht nach Labels. Nenne Praktiken, die beeinflussen, welche Tests sinnvoll sind, etwa oralen, analen oder vaginalen Kontakt, geteilte Toys, Blood Play oder Fisting. Unser Leitfaden zur sexuellen Gesundheit erklärt, welche Tests und welcher Schutz zu welchen Praktiken passen.
Striemen und blaue Flecken
Medizinisches Personal ist geschult, auf Anzeichen von Gewalt zu achten, deshalb hilft eine kurze, ruhige Erklärung: Sie machen ihre Arbeit. Wenn du magst, plane Sessions so, dass frische Spuren vor einem festen Termin verblasst sind.
Beispielsätze
- „Ich hätte gern einen vollständigen Test auf sexuell übertragbare Infektionen, auch mit Abstrich aus Rachen und Enddarm, weil ich oralen und analen Kontakt habe.“
- „Die Spuren auf meinem Rücken kommen von einvernehmlichem Impact Play. Sie tun nicht weh, und ich bin sicher.“
- „Ich beantworte gern Fragen zu den Spuren, aber deswegen bin ich nicht hier.“
- „Ich habe eine kleine Wunde von einem Play Piercing am Oberschenkel. Könnten Sie schauen, ob sie gut heilt?“
Beratung nach einer Grenzverletzung
Eine Verletzung des Einvernehmens im Kink-Kontext ist eine Grenzverletzung und kein Missverständnis über Kink. Sie ist nie deine Schuld, egal, wozu du vorher zugestimmt hast, und du hast Unterstützung von Menschen verdient, die nicht deiner Sexualität die Schuld an dem geben, was passiert ist.
Schritte, die helfen können
- Lass Verletzungen ärztlich versorgen und frag nach der Pille danach und nach einer HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP), die so früh wie möglich und spätestens nach 72 Stunden beginnen sollte
- Frag im Krankenhaus oder bei einer Beratungsstelle, ob Verletzungen vertraulich dokumentiert und Spuren gesichert werden können, ohne dass du sofort Anzeige erstattest; das ist in vielen Regionen möglich
- Wende dich an eine Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt; viele unterstützen ausdrücklich auch queere und kinky Menschen
- Schreib auf, was vereinbart war und was passiert ist, solange deine Erinnerung frisch ist
- Such dir Therapeut*innen, die sich sowohl mit Trauma als auch mit Kink auskennen, damit du deine Sexualität in der Therapie nicht verteidigen musst
Du musst nicht alles sofort entscheiden
Ob du Anzeige erstattest, mit der anderen Person sprichst oder deiner Community davon erzählst, entscheidest du, und du darfst dir Zeit lassen. Die Hilfetelefone aus unserer Übersicht „Hilfetelefone“ unterstützen dich vertraulich, viele davon rund um die Uhr.
Wenn Leute in deiner Community das Geschehene als „gehört halt zur Szene“ abtun, sagt das etwas über sie aus, nicht über dich.
Quellen und weiterführende Links
Wir verlinken unabhängige Gesundheitsbehörden, Beratungsstellen und amtliche Gesetzestexte. Sie sind nicht für unsere Inhalte verantwortlich.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics (paraphile Störungen, 6D30 bis 6D3Z)
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gender incongruence and transgender health in the ICD
- NCSF: Kink and Polyamory Aware Professionals Directory (KAP)
- Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS): Liste zertifizierter Sexualtherapeut*innen
- 116117: Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigungen
- Gesundheitsministerium Österreich: Berufsliste Psychotherapie
- Deutsche Aidshilfe