Sicherheit
Sicherheitshandbuch
Einvernehmen, Safewords, Aftercare, körperliche und emotionale Sicherheit und was du tun kannst, wenn etwas schiefgeht. Lies es einmal ganz und komm dann zu den Teilen zurück, die du gerade brauchst.
Du brauchst jetzt Hilfe?
Wenn du oder jemand anderes in akuter Gefahr ist, ruf den Notruf an: 112 in der EU, 110 für die Polizei in Deutschland, 911 in Nordamerika.
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Einvernehmen: das Fundament von allem
Die Grundregeln
Einvernehmen ist Pflicht. Sicherheit ist nicht verhandelbar. Wenn sich etwas falsch anfühlt: stopp.
Zustimmung ist verpflichtend, begeistert, informiert und fortlaufend. Sexuelle Handlungen ohne Zustimmung sind ein Übergriff, ganz gleich, welche Beziehung oder Vorgeschichte die Beteiligten miteinander haben.
Gültige Zustimmung ist
- Freiwillig: ohne Druck, Zwang oder Manipulation
- Begeistert: ein klares „Ja“, nicht bloß das Fehlen eines „Neins“
- Informiert: Alle verstehen genau, was passieren wird
- Konkret: Die Zustimmung zu einer Handlung ist keine Zustimmung zu allen Handlungen
- Widerrufbar: Sie kann jederzeit zurückgezogen werden
- Nüchtern: nicht durch Alkohol oder Drogen beeinträchtigt
- Bei vollem Bewusstsein: Alle sind ganz wach, aufmerksam und präsent
- Fortlaufend: Sie wird immer wieder bestätigt, nicht einmal gegeben und dann vorausgesetzt
Keine gültige Zustimmung
- Schweigen oder fehlender Widerstand
- Frühere Zustimmung zu ähnlichen Aktivitäten
- Ein Ja unter Druck oder Drohung
- Ein Ja unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen oder bei anderweitiger Beeinträchtigung
- Ein Ja von jemandem, der rechtlich oder geistig nicht zustimmen kann (wegen des Alters oder fehlender Einwilligungsfähigkeit)
- Annahmen aufgrund von Kleidung, Ort oder Beziehungsstatus
- Ein Ja, das durch Täuschung zustande kam
- Ein Ja, das die Person nicht zurücknehmen darf
Du kannst immer Nein sagen, aufhören oder deine Meinung ändern
Gute Partner*innen setzen dich nie unter Druck, machen dir nie Schuldgefühle wegen deiner Grenzen und machen nie weiter, nachdem du deine Zustimmung zurückgezogen hast. Wenn jemand das Einvernehmen verletzt, ist das ein Übergriff, unabhängig von eurer Beziehung oder davon, was du vorher getan hast.
Grundlegende Sicherheitsphilosophien
Drei verbreitete Konzepte beschreiben, wie die Kink-Szene über Risiko und Einvernehmen denkt. Bei allen steht die informierte Zustimmung an erster Stelle.
SSC: Safe, Sane, Consensual (sicher, vernünftig, einvernehmlich)
Sicher: bleibende Schäden vermeiden. Vernünftig: Alle urteilen besonnen und haben einen klaren Kopf. Einvernehmlich: Alle stimmen informiert zu.
RACK: Risk-Aware Consensual Kink (risikobewusster, einvernehmlicher Kink)
Risikobewusst: Alle kennen die Gefahren. Einvernehmlich: Die Zustimmung besteht fortlaufend. Kink: Das Konzept erkennt an, dass diese Aktivitäten abseits des Mainstreams liegen.
PRICK: Personal Responsibility, Informed Consensual Kink (Eigenverantwortung, informierter und einvernehmlicher Kink)
Jede Person übernimmt Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen, entscheidet informiert und sorgt dafür, dass die Zustimmung fortlaufend besteht.
Kritisch denken und recherchieren
Denk kritisch, folge nicht blind
- Beliebt heißt nicht sicher: Trends können gefährlich sein.
- Dass andere es tun, heißt nicht, dass du es tun solltest: Deine Grenzen gehören nur dir.
- Fiktion ist nicht Realität: Pornos und erotische Literatur lassen die Sicherheitsschritte weg.
- Erfahrung bedeutet nicht, dass jemand recht hat: Prüfe Informationen anhand mehrerer Quellen.
- Was bei anderen funktioniert hat, funktioniert vielleicht nicht bei dir: Körper und Psyche sind verschieden.
Vertrauenswürdige Quellen
- Medizinische Fachleute und Sexualpädagog*innen
- Etablierte Organisationen für BDSM-Bildung
- Begutachtete wissenschaftliche Forschung (Peer Review)
- Sicherheitsorientierte Angebote aus der Szene
- Mehrere unabhängige Quellen, die bei Sicherheitspraktiken übereinstimmen
- Angebote, die ihre Quellen nennen
Diese Quellen solltest du hinterfragen
- Anonyme Onlineforen ohne jede Überprüfung
- Eine einzelne Quelle, die niemand sonst bestätigt
- Ratschläge, die Sicherheitsbedenken abtun
- Inhalte, die riskantes Verhalten fördern
- Quellen, die behaupten: „Das machen alle so“
- Ratschläge, die dich davon abhalten, Fragen zu stellen
Recherchiere selbst
Informiere dich über jede Aktivität, bevor du sie ausprobierst. Verstehe die beteiligte Anatomie, die Risiken, die Vorsichtsmaßnahmen und was im Notfall zu tun ist. Lies mehrere Quellen, stell Fragen und fang langsam an. Deine Sicherheit ist die Zeit wert.
Kommunikation vorher, währenddessen und danach
Vorher: Vorgespräch und Vorbereitung
- Sprich über alle persönlichen Grenzen und Hard Limits
- Teile Erkrankungen, Verletzungen und Trigger mit
- Vereinbare Safewords und nonverbale Signale
- Sprich die geplanten Aktivitäten im Einzelnen durch
- Geh für jede Aktivität die Anatomie und die Sicherheitspunkte durch
- Plane Aftercare für alle Beteiligten
- Setze realistische Zeitgrenzen
- Stell sicher, dass die Zustimmung nüchtern und begeistert ist
- Bereite einen Notfallplan und das nötige Material vor
- Teile STI-Status und Testergebnisse, wenn es zu sexuellem Kontakt kommt
- Vereinbare, was zu tun ist, wenn etwas schiefgeht
Währenddessen: die laufende Session
- Frag regelmäßig nach, mit Worten und ohne
- Achte auf Anzeichen von Not oder Unbehagen
- Respektiere Safewords sofort
- Sag, was du als Nächstes tun wirst, bevor du es tust
- Achte auf körperliche Warnzeichen wie Farbveränderungen oder Taubheit
- Passe dich an Reaktionen und Rückmeldungen an
- Bleib präsent und aufmerksam
- Lass eine gefesselte Person niemals allein
- Halte Sicherheitswerkzeuge in Reichweite
- Sei bereit, jederzeit aufzuhören
Danach: Aftercare und Nachbesprechung
- Gib die Aftercare, die ihr vereinbart habt
- Biete emotionale Unterstützung und Bestätigung an
- Prüfe auf Verletzungen oder beunruhigende Symptome
- Bleib bei deinem Gegenüber, bis sich die Gefühle gelegt haben
- Sprich darüber, was funktioniert hat und was nicht
- Kläre Bedenken, die aufgekommen sind
- Melde dich innerhalb von 24 bis 48 Stunden noch einmal
- Achte in den folgenden Tagen auf Sub Drop oder Top Drop
- Passe Grenzen bei Bedarf an
- Hol dir bei Bedarf ärztliche Hilfe
Safewords und Signale
Safewords und Signale sind Pflicht. Sie ermöglichen sofortige Verständigung und müssen ohne Nachfrage und ohne Zögern respektiert werden.
Rot
Sofort stoppen. Jede Aktivität endet, ohne Rückfragen und ohne Zögern. Erkundige dich nach dem Befinden und kümmere dich um die Person.
Gelb
Langsamer werden oder pausieren. Eine Grenze ist nah. Nachfragen, die Intensität anpassen oder eine Pause machen.
Grün
Alles gut. Weitermachen wie bisher. Alles fühlt sich richtig an, und die Zustimmung ist weiterhin begeistert.
Nonverbale Signale sind unverzichtbar, sobald das Sprechen eingeschränkt ist, etwa mit Knebel oder in bestimmten Rollenspielen.
Nonverbale Signale
- Handzeichen: eine vereinbarte Geste oder Anzahl von Klopfzeichen (zum Beispiel dreimal klopfen für Stopp)
- Einen gehaltenen Gegenstand fallen lassen, etwa einen Ball oder einen Schlüsselbund
- Eine vereinbarte Melodie oder ein vereinbartes Muster summen
- Mit den Fingern schnipsen, wenn die Hände frei sind
- Deutliches, kräftiges Kopfschütteln
Wenn sich jemand nicht klar mitteilen kann (zum Beispiel, weil die Person gleichzeitig geknebelt und gefesselt ist), mach niemals ohne ein verlässliches nonverbales Signal weiter.
Ein Safeword zu ignorieren ist eine Verletzung des Einvernehmens
Wer ein Safeword ignoriert, verletzt das Einvernehmen und begeht einen Übergriff. Wenn dein*e Partner*in jemals dein Safeword ignoriert, endet die Session sofort, und du solltest diese Beziehung ernsthaft überdenken. Respekt vor Safewords ist nicht verhandelbar.
Aftercare
Aftercare ist nicht optional. Sie ist wichtig für die körperliche Erholung, die emotionale Verarbeitung und die Gesundheit der Beziehung, und dominante wie devote Partner*innen brauchen sie.
Körperliche Aftercare
- Flüssigkeit: Wasser oder Elektrolytgetränke
- Ernährung: leichte Snacks, besonders nach einer intensiven Session
- Wärme: Decken oder eine warme Dusche, um die Körpertemperatur auszugleichen
- Wundversorgung: Spuren, Schnitte oder Abschürfungen reinigen und versorgen
- Schmerzlinderung: ein Kühlpack für blaue Flecken und bei Bedarf geeignete Schmerzmittel
- Ruhe: Zeit, um sich körperlich zu erholen und runterzukommen
- Massage: Sanfte Berührung kann die körperliche und emotionale Erholung unterstützen
- Toilettengang: besonders nach Bondage oder langen Sessions
- Durchblutung prüfen: sicherstellen, dass Fesseln keine Taubheit oder Nervenprobleme verursacht haben
Emotionale Aftercare
- Bestätigung: freundliche Worte und emotionale Unterstützung
- Körperliche Nähe: Kuscheln, Halten und sanfte Berührung
- Anerkennung: Gefühle ohne Bewertung annehmen
- Erdung: einander helfen, ins Hier und Jetzt zurückzukehren
- Verarbeiten: über das Erlebte sprechen, wenn ihr beide das möchtet
- Geduld: den Gefühlen Zeit geben, sich zu legen
- Präsenz: in dieser verletzlichen Zeit zusammenbleiben
- Wohlfühlaktivitäten: Lieblingsfilme, Musik oder Rituale
- Schlaf: wenn möglich gemeinsam ausruhen
Sub Drop
Ein emotionaler Einbruch, der ein bis drei Tage nach einer intensiven Session auftreten kann, wenn der Endorphinspiegel sinkt. Symptome: Traurigkeit, Angst, Erschöpfung, Reizbarkeit oder das Gefühl, wertlos zu sein. Vorbeugung: gute Aftercare, Wasser, Ruhe und Essen. Was hilft: Selbstfürsorge, Check-ins mit dem Gegenüber und sanfte Aktivitäten.
Dom Drop oder Top Drop
Auch dominante Partner*innen können emotional abstürzen und brauchen ebenfalls Aftercare. Symptome: Schuldgefühle, Sorge, Schaden angerichtet zu haben, emotionale Erschöpfung. Vorbeugung: gegenseitige Aftercare und offene Kommunikation. Was hilft: Bestätigung durch das Gegenüber, Selbstmitgefühl und darüber reden.
Aftercare ist individuell
Jeder Mensch braucht etwas anderes. Klärt gemeinsam, was für jede Person funktioniert, denn was die eine Person tröstet, hilft der anderen vielleicht nicht. Sag klar, was du brauchst.
Körperliche Sicherheit je nach Aktivität
Jede Aktivität hat ihre eigenen Risiken. Informiere dich über die Besonderheiten, bevor du etwas Neues ausprobierst, und fang sanft an.
Impact Play (Spanking, Flogger, Rohrstock): sicherere Zonen
- Po (die fleischigen Bereiche)
- Oberer Rücken, Wirbelsäule aussparen
- Oberschenkel, Innenseiten aussparen
- Schultern
Impact Play: Gefahrenzonen
- Nieren (unterer Rücken)
- Wirbelsäule und Hals
- Gelenke wie Knie und Ellbogen
- Kopf und Gesicht
- Genitalien, sofern du kein spezielles Wissen und keine Erfahrung hast
Bondage und Fesseln
- Lass eine gefesselte Person niemals allein, auch nicht kurz.
- Halte eine Sicherheitsschere sofort griffbereit.
- Prüfe die Durchblutung alle 10 bis 15 Minuten: Farbe, Temperatur und Empfinden.
- Lerne die richtigen Seiltechniken, denn schlechtes Fesseln kann Nervenschäden verursachen.
- Leg niemals Fesseln um den Hals, denn es besteht Strangulationsgefahr.
- Halte dich an die Zwei-Finger-Regel: Unter jede Fessel sollten zwei Finger passen.
- Löse sofort, wenn Kribbeln, Taubheit oder eine Farbveränderung auftreten.
- Sorge bei allen Fesseln für Möglichkeiten zum schnellen Lösen.
Breath Play und Würgen sind extrem gefährlich
Wird die Atmung oder die Blutzufuhr zum Gehirn eingeschränkt, kann das zu Tod, Schlaganfall oder Hirnschäden führen.
Breath Play: Was du wissen musst
- Es gibt keine völlig sichere Art, die Atmung einzuschränken.
- Selbst bei erfahrenen Praktizierenden kommt es zu Todesfällen.
- Bewusstlosigkeit kann innerhalb von Sekunden eintreten, Hirnschäden können innerhalb weniger Minuten folgen.
- Bewusstlosigkeit ist ein medizinischer Notfall.
- Leg niemals Schlingen wie Seile oder Gürtel um den Hals.
- Wenn du dich trotz der Risiken dafür entscheidest: Informiere dich gründlich, beginne mit dem absoluten Minimum und tu es niemals allein.
Wachsspiele
- Verwende nur Kerzen mit niedriger Temperatur, die für Wachsspiele gedacht sind (meist Soja oder reines Paraffin).
- Meide Bienenwachs, Duftkerzen und Dekokerzen: Sie werden zu heiß.
- Teste die Temperatur zuerst auf deiner eigenen Haut.
- Halte Haare und alles Brennbare weit von der Flamme fern.
- Halte Mittel zur Behandlung von Verbrennungen bereit.
- Spar Gesicht, Genitalien und andere empfindliche Stellen aus, bis du Erfahrung hast.
- Je höher du die Kerze hältst, desto kühler ist das Wachs, wenn es auftrifft.
Messerspiele und anderes Edge Play
- Verwende den stumpfen Klingenrücken, um Empfindungen ohne Schnittgefahr zu erzeugen.
- Wenn geschnitten wird, verwende sterile Werkzeuge und versorge die Wunden richtig.
- Halte großen Abstand zu großen Blutgefäßen und lebenswichtigen Bereichen.
- Halte ein Erste-Hilfe-Set bereit.
- Mach dir die Risiken von Infektionen bewusst, die über das Blut übertragen werden.
- Spiele niemals unter Alkohol- oder Drogeneinfluss.
Elektrospiele
- Verwende nur Geräte, die für die Anwendung am Körper gedacht sind, etwa TENS-Geräte oder Violet Wands.
- Verwende niemals Haushaltsstrom: Er kann tödlich sein.
- Wende Elektrospiele niemals bei Menschen mit Herzerkrankung oder Herzschrittmacher an.
- Leite niemals Strom über den Brustkorb oder in die Nähe des Herzens.
- Spar Kopf und Hals aus.
- Informiere dich gründlich über die Sicherheit deines konkreten Geräts.
Sicherheit und Hygiene bei Toys
Körperverträgliche Materialien
- Silikon: nicht porös und leicht zu reinigen
- Glas: nicht porös und für Temperaturspiele geeignet
- Edelstahl: nicht porös und langlebig
- ABS-Kunststoff: hart, nicht porös und körperverträglich
- Materialien in medizinischer Qualität: für den Kontakt mit dem Körper entwickelt
Materialien, die du meiden oder nur mit Vorsicht verwenden solltest
- Jelly: porös und enthält womöglich Phthalate
- PVC: kann schädliche Chemikalien enthalten
- Gummi: porös und kann Bakterien beherbergen
- TPE und TPR: porös und deshalb nicht vollständig zu desinfizieren; nur mit Kondom verwenden und nicht teilen
- „Scherzartikel“: oft aus unsicheren Materialien
Reinigung und Pflege
- Reinige jedes Toy vor und nach jeder Benutzung.
- Verwende ein Reinigungsmittel, das zum Material passt.
- Toys ohne Motor aus Silikon, Edelstahl oder Borosilikatglas lassen sich meist auskochen; beachte die Herstellerangaben.
- Verwende Kondome auf porösen Toys und auf jedem Toy, das geteilt wird.
- Bewahre Toys an einem sauberen, trockenen Ort auf.
- Prüfe Toys regelmäßig und entsorge sie, wenn sie beschädigt sind.
- Teile Toys niemals zwischen Partner*innen, ohne sie zu reinigen oder eine Barriere zu verwenden.
- Wechsle mit einem Toy niemals von anal zu vaginal, ohne es vorher gründlich zu reinigen.
Vorbereitung auf Notfälle
Unverzichtbares Sicherheitsset für jede Session
- Handy: voll aufgeladen und in Reichweite
- Sicherheitsschere: Rettungs- oder Verbandschere zum Durchschneiden von Fesseln
- Erste-Hilfe-Set: Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel und Brandgel
- Wasser für die Aftercare
- Eine Decke für Wärme und Geborgenheit
- Notfallkontakte im Handy gespeichert
- Die Adresse des nächsten Krankenhauses
- Alle nötigen Medikamente, etwa Asthmasprays oder Adrenalin-Autoinjektoren
Wann du ärztliche Hilfe brauchst
- Bewusstlosigkeit
- Taubheit, die nach dem Lösen der Fesseln anhält
- Tiefe Schnitte oder Blutungen, die nicht aufhören
- Schwere Verbrennungen
- Atemnot
- Brustschmerzen oder unregelmäßiger Herzschlag
- Schwere allergische Reaktionen
- Anzeichen eines Schlaganfalls wie Verwirrtheit, verwaschene Sprache oder Schwäche
- Extreme emotionale Not oder Dissoziation
- Jede Verletzung, bei der du unsicher bist
Vorgehen im medizinischen Notfall
- Wähle sofort den Notruf 112. Die Nummern für dein Land findest du auf unserer Seite „Hilfetelefone“.
- Löse alle Fesseln sicher und schnell.
- Leiste Erste Hilfe, wenn du dafür ausgebildet bist.
- Bleib ruhig und gib den Rettungskräften klare, ehrliche Informationen.
- Schieb Hilfe niemals aus Scham auf: Sicherheit geht vor.
Emotionale und psychische Sicherheit
Trauma und Trigger
- Teile relevante traumatische Erfahrungen mit, bevor du dich auf Aktivitäten einlässt, die sie triggern könnten.
- Benenne bekannte Trigger und lege Grenzen dafür fest.
- Hab einen Plan für den Fall, dass du während einer Session getriggert wirst.
- Sorge dafür, dass deine Partner*innen wissen, wie sie dich unterstützen können, wenn du getriggert wirst.
- Denk über eine Therapie nach, bevor du dich auf Spiel einlässt, das frühere Traumata berührt.
- BDSM ist keine Therapie: Nutze es nicht, um Traumata auf eigene Faust aufzuarbeiten.
- Einen neuen Trigger zu entdecken ist in Ordnung. Sag es sofort.
Psychische Gesundheit
- Sei ehrlich zu deinen Partner*innen, was psychische Erkrankungen angeht.
- Manche Aktivitäten können mit Psychopharmaka in Wechselwirkung treten.
- Verzichte auf Sessions in schweren depressiven Phasen oder bei starker Angst.
- Intensive Sessions können bei anfälligen Menschen Dissoziation auslösen.
- Behalte in den Tagen nach einer Session deinen psychischen Zustand im Blick.
- Hol dir professionelle Hilfe, wenn Kink deiner psychischen Gesundheit zu schaden beginnt.
- Eine Kink-Pause für deine psychische Gesundheit ist in Ordnung.
Eine gesunde innere Haltung
- Nutze BDSM niemals, um dir selbst zu schaden oder dich zu bestrafen.
- Nutze Sessions nicht, um emotionalen Problemen auszuweichen.
- Kink sollte dein Leben bereichern, nicht zur Flucht davor werden.
- Achte auf Ausgleich: Beziehungen, Arbeit und Hobbys jenseits von Kink.
- Denk regelmäßig über deine Beweggründe und dein Wohlbefinden nach.
- Gesundes BDSM stärkt das Selbstwertgefühl, statt es zu zerstören.
Warnsignale: unsichere Partner*innen und Situationen erkennen
Deine Sicherheit ist wichtiger als die Gefühle anderer. Vertrau deinem Instinkt: Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist es das wahrscheinlich auch.
Warnsignale bei Partner*innen
- Weigert sich, über Limits, Grenzen oder Safewords zu sprechen
- Setzt dich unter Druck, nötigt dich oder macht dir Schuldgefühle, damit du mitmachst
- Tut deine Bedenken ab oder macht sich darüber lustig
- Ignoriert Safewords oder „vergisst“ sie
- Drängt zu intensivem Spiel, ohne Vertrauen aufzubauen
- Hat kein Sicherheitswissen, will aber auch nichts dazulernen
- Weigert sich, Aftercare zu geben oder anzunehmen
- Macht dir Schuldgefühle, weil du Grenzen hast
- Isoliert dich von Freund*innen, der Szene oder anderer Unterstützung
- Behauptet, „echte“ Subs oder Doms würden bestimmte Dinge tun
- Nutzt BDSM als Ausrede für missbräuchliches Verhalten
- Macht weiter, nachdem du Nein gesagt oder ein Safeword benutzt hast
- Fragt nie nach deinen Vorlieben
- Versucht sich an Aktivitäten, die das eigene Können übersteigen
- Lügt über Erfahrung oder Qualifikationen
- Verweigert STI-Tests oder Safer Sex
- Hält dich davon ab, dich über Sicherheit zu informieren
- Macht dir Angst, etwas anzusprechen
Gute Zeichen bei Partner*innen
- Spricht gern über Grenzen und respektiert sie
- Stellt Einvernehmen über alles andere
- Respektiert Safewords sofort und ohne Nachfrage
- Fördert offene, ehrliche Kommunikation
- Baut Vertrauen nach und nach auf
- Kennt sich mit Sicherheit aus oder ist bereit, dazuzulernen
- Bietet ungefragt gute Aftercare an
- Gibt dir das Gefühl, sicher und respektiert zu sein
- Gibt offen zu, etwas nicht zu wissen
- Bildet sich aktiv weiter
- Respektiert deine Selbstbestimmung und Unabhängigkeit
- Ermutigt dich, deine anderen Beziehungen zu pflegen
- Übernimmt Verantwortung für das eigene Handeln
- Gesteht Fehler ein und entschuldigt sich
- Fragt regelmäßig nach deinem Wohlbefinden
- Unterstützt deine körperliche und psychische Gesundheit
- Begrüßt Fragen und Bedenken
- Gibt dir nie das Gefühl, Angst haben zu müssen oder unter Zwang zu stehen
Wenn du Missbrauch erlebst
Verletzungen des Einvernehmens sind auch im BDSM Übergriffe, und du bist nicht verantwortlich für das missbräuchliche Verhalten eines anderen Menschen. Wende dich an ein Hilfsangebot (siehe unsere Seite „Hilfetelefone“), überleg, ob du dich an die Polizei wenden möchtest, wenn du dich dabei sicher fühlst, und stütz dich auf vertraute Freund*innen, deine Community oder eine therapeutische Fachperson. Du verdienst Sicherheit, Respekt und Fürsorge, immer.
Rechtliches und Privatsphäre
Die rechtliche Realität
- BDSM-Aktivitäten können je nach Wohnort rechtliche Folgen haben.
- In manchen Rechtsordnungen wird eine Einwilligung nicht als Verteidigung gegen den Vorwurf der Körperverletzung anerkannt.
- Spuren und blaue Flecken können in Gerichtsverfahren als Beweismittel dienen.
- Informiere dich über die Gesetze an deinem Wohnort.
- Schriftliche Verträge sind Kommunikationsmittel, keine rechtlich bindenden Dokumente.
- Zustimmung kann jederzeit zurückgezogen werden, ganz gleich, was in einem Vertrag steht.
- Die Gesetze zum Schutzalter gelten: Alle Beteiligten müssen erwachsen sein.
Privatsphäre und Dokumentation
- Sei sehr vorsichtig mit Fotos und Videos von Sessions.
- Explizite Inhalte können gegen dich verwendet werden, etwa im Job oder in Sorgerechtsstreitigkeiten.
- Hol dir eine ausdrückliche Zustimmung, bevor du irgendetwas aufnimmst.
- Vereinbare, wie Inhalte gespeichert, geteilt und gelöscht werden.
- Denk über verschlüsselte Speicherung für sensibles Material nach.
- Mach die Kink-Identität eines Menschen niemals ohne Erlaubnis öffentlich.
- Respektiere die Privatsphäre anderer in Räumen der Szene.
- Achte auf deine digitalen Spuren und auf Metadaten in Fotos und Dateien.
Neue Partner*innen sicher kennenlernen
- Triff dich beim ersten Mal immer an einem öffentlichen Ort.
- Sag einer vertrauten Person, wohin du gehst und wann du dich meldest.
- Vereinbare feste Check-ins mit einer Kontaktperson für deine Sicherheit.
- Chatte per Video, bevor ihr euch persönlich trefft.
- Überprüfe die Identität der Person auf mehr als einem Weg.
- Gib deine Wohnadresse erst preis, wenn Vertrauen da ist.
- Halte die ersten Sessions leicht und steigere die Intensität mit der Zeit.
- Vertrau deinem Instinkt: Wenn sich etwas komisch anfühlt, geh.
- Kümmere dich selbst um deine An- und Abreise und halte dein Handy geladen.
- Nimm keine Getränke an, deren Zubereitung du nicht gesehen hast.
Sexuelle Gesundheit
STI-Prävention
- Sprich vor sexuellem Kontakt offen über den STI-Status.
- Lass dich regelmäßig testen und teile deine Ergebnisse.
- Verwende Barrieren wie Kondome, Lecktücher und Handschuhe, wo es angebracht ist.
- Teile Sextoys niemals, ohne sie zu reinigen oder eine Barriere zu verwenden.
- Aktivitäten, bei denen die Haut verletzt werden kann, etwa heftiges Impact Play, erhöhen das Risiko für Infektionen, die über das Blut übertragen werden.
- Informiere dich über PrEP und PEP zur HIV-Prävention.
- Kenne deine eigenen Risikofaktoren und die deiner Partner*innen.
Schwangerschaft und Verhütung
- Sprich über euren Bedarf an Verhütung und über die Methoden.
- Denk daran, dass manche Aktivitäten nicht vor einer Schwangerschaft schützen.
- Kenne deine Möglichkeiten der Notfallverhütung.
- Sprich darüber, was ihr im Fall einer ungeplanten Schwangerschaft tun würdet.
- Manche Medikamente beeinflussen die Wirkung hormoneller Verhütung.
- Eine Schwangerschaft verändert den Körper: Passe die Aktivitäten entsprechend an und lass dich ärztlich beraten.
Zum Schluss: das Wichtigste zur Sicherheit
Langsam anfangen, behutsam steigern
Stürz dich nicht gleich in intensives Spiel. Bau Vertrauen auf, lerne Techniken und lernt eure Körper und Reaktionen kennen.
Lernen hört nie auf
Lerne weiter über Sicherheit, Anatomie, Techniken und gute Praxis. Wissen schützt dich.
Kommunikation ist alles
Vorher, währenddessen und danach. Klare, ehrliche und fortlaufende Kommunikation verhindert die meisten Probleme.
Deine Grenzen sind berechtigt
Du musst deine Grenzen nie rechtfertigen. „Nein“ ist ein vollständiger Satz, und gute Partner*innen respektieren das.
Verantwortungsvoll mit Fehlern umgehen
Wenn dir ein Fehler passiert, erkenne ihn an, entschuldige dich und lerne daraus. Wenn deinem Gegenüber einer passiert, entscheide anhand der Reaktion, ob er verzeihlich ist.
Nüchtern bleiben
Alkohol und Drogen beeinträchtigen das Urteilsvermögen und die Fähigkeit zuzustimmen. Führe Vorgespräche und Sessions nur nüchtern.
Vertrau deinem Instinkt
Wenn sich etwas falsch anfühlt, sprich es an oder hör auf. Dein Bauchgefühl ist eine wertvolle Information für deine Sicherheit.
Kink sollte dein Leben bereichern
Wenn es mehr Schaden als Freude bringt, tritt einen Schritt zurück und überdenke alles neu. Gesunder Kink gibt dir ein Gefühl von Stärke, Verbundenheit und Erfüllung.
Einvernehmen. Sicherheit. Kommunikation.
Nichts davon ist optional. Es ist das Fundament von allem. Du verdienst es, sicher, respektiert und umsorgt zu sein, im Kink und im Leben.
Sicherheitsratgeber
Kompakte Ratgeber zu einzelnen Risiken
Kurze, praktische Ratgeber zu körperlicher, emotionaler und medizinischer Sicherheit, Ausrüstung, Hygiene, rechtlichen Fragen und Notfällen.
- KommunikationSafewords: dein wichtigstes WerkzeugSafewords sind unverzichtbare Kommunikationsmittel, mit denen sich jede Aktivität sofort stoppen oder anpassen lässt.
- Körperliche SicherheitImpact Play: sichere Zonen und GefahrenzonenWer sicher Impact Play betreiben will, muss die Anatomie kennen. Schläge auf die falschen Stellen können schwere Verletzungen verursachen.
- Körperliche SicherheitBondage mit Seilen: Nervenschäden vorbeugenFalsch ausgeführtes Bondage kann bleibende Nervenschäden verursachen. Es ist entscheidend, den Verlauf der Nerven und die richtige Technik zu kennen.
- Emotionale SicherheitAftercare ist kein optionales ExtraAftercare ist die unverzichtbare körperliche und emotionale Fürsorge nach einer Session. Wer sie auslässt, riskiert Sub Drop oder Dom Drop und schadet der Beziehung.
- KommunikationZustimmung ist fortlaufend, nicht einmaligZustimmung muss während der gesamten Aktivität bestehen. Ein einmaliges Ja ist keine dauerhafte Zustimmung.
- KommunikationDas Vorgespräch: niemals überspringenEin gründliches Vorgespräch vor einer Session verhindert Missverständnisse, legt Grenzen fest und sorgt dafür, dass alle Beteiligten wissen, was passieren wird.
Teste dein Wissen
Kostenlose Sicherheitsquiz für Einsteiger bis Erfahrene. Zu jeder Frage gibt es eine Erklärung, und wenn du bestehst, bekommst du ein Zertifikat.
Aufklärende Inhalte. Keine medizinische, rechtliche oder psychologische Beratung.